Gibt es wirklich richtige und falsche Entscheidungen?

Gibt es wirklich richtige und falsche Entscheidungen?

Entscheidungen für mein Leben treffe ich selbst. Manchmal oder auch häufiger entscheide ich in Abstimmung mit Alfi. Zu guter Letzt ist aber jede Wahl die ich treffe, eine mit der ich leben kann. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass ich mir bewusst mache, was auf mich zukommen kann und wie ich dazu stehe, was ich mir und meiner Familie zutraue und was ich bereit bin dafür zu geben.

Ob mich das nun zu einer starken Persönlichkeit macht, ob ich mehr Power habe als andere oder einfach nur mehr Mut oder Entschlossenheit, will ich gar nicht beurteilen lassen. Denn niemand geht in meinen Schuhen. Niemand kann mich besser kennen als ich mich selbst, denn manchmal kenne ja selbst ich noch nicht mein Ich von morgen.

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Trotzdem begegnet mir das in den letzten Monaten so oft, dass ich die Augen nicht davor verschließen kann. Und das habe ich auch nicht vor. Ich nehme mir das Gesagte meiner Mitmenschen sehr zu Herzen und höre in mich hinein. Ich gleiche es mit meinen Entscheidungen ab und den Gedanken, die bis zu Ihnen geführt haben. Ich mache mir mein Leben nicht leicht. Ich lebe nicht nach dem Motto: „nach mir die Sinnflut“ oder „Scheiß auf die andern“. Selbst wenn es mir und uns sicherlich manchmal guttun würde.

„Echt du willst Vollzeit arbeiten? Trotz behindertem Kind? Sicher, dass du das schaffst?“ Ja, das wollte ich. Und ich bin auch nach wie vor sicher, dass wir das gut geschafft hätten. Mit unserem wunderbaren Kind Tilli, der sich so großartig macht, seitdem er die Kita besucht, das mir täglich mehrmals die Kinnlade runterfällt. Indem wir ein Auto angeschafft, Tillis Betreuungszeiten angepasst, seine Therapiestunden entsprechend gelegt, Freunde um Hilfe gebeten und für uns festgestellt haben, dass wir als Familie stark genug sind. Mich hätte dieser Job absolut erfüllt und ich bin überzeugt davon, dass ich ihn nicht nur gern, sondern auch gut gemacht hätte. Es hat mich nicht erdrückt, sondern beflügelt, dass ich das nach reiflicher Überlegung tun kann. Dass das Leben einfach mal ätschebätsch gesagt hat und ich Dank Netzhautablösung nicht einmal den Job antreten konnte, hat mich über Tage und Wochen unfassbar traurig gemacht. Dass jedoch mein Umfeld reagierte mit, „Das wäre doch aber einfach zu viel Druck gewesen!“ hat mich tief getroffen. Es hat mir das Gefühl gegeben, ich hätte mir was vorgemacht. 

„Du willst dich wirklich bewerben, obwohl du schwanger bist? Und das obwohl ihr schon ein behindertes Kind habt? Freu dich doch lieber über die Zwillinge und konzentrier dich auf deine Schwangerschaft!“ Eine Familie zu haben, die aus mehr als nur Tilli, Alfi, unserem Hund Jackson und mir besteht, war eigentlich schon klar, bevor wir Tilli in den Händen hielten. Als wir das dann endlich durften, mit dem Wissen darum, dass Tilli ein Downie ist, haben wir uns tief in die Augen gesehen und wussten: an dieser Wahrheit hat sich für uns rein gar nichts verändert. Wir haben uns dafür entschieden, lange bevor ich die Empfehlung für den Job bekam. Und wir haben es nicht in Frage gestellt. Es fühlte sich nach jetzt an. Es war und ist auch bis jetzt das für uns Richtige. Das es gleich Zwillinge werden, war uns bei der Entscheidung zum Einsetzen von zwei Embryonen als Möglichkeit klar. Es hat uns also nicht geschockt. Und im Glauben an das Gute, war für uns nicht von Behinderungen auszugehen, welche wir jedoch dennoch in Betracht gezogen und in Kauf genommen haben. Es sind unsere Kinder. Ob jemand anderes das nicht könnte, ob es eine riesen Aufgabe wäre, ob wir daran scheitern würden, war für uns nicht die relativierende Frage. Die innere Entscheidung, dass wir es dankend so annehmen wie es kommt und dass wir als Familie Vorrang vor allem anderen haben, waren ausschlaggebend. Es ist eine Entscheidung aus Liebe. Und so habe ich meinem Arbeitgeber vor der Vertragsunterschrift reinen Wein eingeschenkt, nicht weil ich es musste, sondern weil es für mich das Richtige war. Zusätzlich zu den Zwillingen, auf die wir uns unbändig freuen. Und man stelle sich vor: für mich geht das parallel, dass ich meine Schwangerschaft genieße und das tue, was ich will. Dass der Job nun platzte, obwohl ich es so sehr wollte, war ein echter Tiefschlag. Ich habe mich hilf- und absolut machtlos gefühlt. „Aber guck mal, das ist doch alles für was gut. Und dann hast du jetzt endlich Zeit dich auf deine Zwillinge zu freuen und vorzubereiten. Nicht dass ihnen noch wegen zu viel Stress was zugestoßen wäre, weil du dir zu viel zumutest!“ Das zu hören hat sich jedoch zusätzlich angefühlt wie in die Schranken gewiesen zu werden. Manchmal hat es mir den Rest gegeben und den letzten Funken Hoffnung geraubt, dass ich noch alle beisammenhabe.

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Es hat mich viel Zeit gebraucht und vor allem den letzten Krankenhausaufenthalt, bei dem mir eines klar geworden ist, was ich vor lauter kleinen und großen Unwegsamkeiten, beim Telefonieren mit der Agentur für Arbeit, meinem Anwalt und der Krankenkasse fast vergessen habe. Weil die Stimmen von außen ungefragt und oftmals lauter als meine eigene waren. Ich mag nicht in der Hand haben wie alles läuft, noch muss alles gut laufen, nur weil es schön wäre, wenn es so wäre. Was ich aber mit Sicherheit behaupten kann, ist, dass ich nichts bereue. Dass ich keinen Zweifel daran habe für mich und meine Familie die richtigen Schlüsse gezogen zu haben. Es ist eine tiefe Gewissheit, dass wir das alles hätten leisten wollen und können. Bestätigt findet sich das darin, dass wir auch jetzt zusammen aufräumen. Wir lassen sich den Staub legen, kehren die Meinungen und Gefühle anderer raus und fangen auf einem freien Fußboden einfach neu an. Einfach weil wir es können. Denn das was wir am meisten haben wollten, haben wir schon: uns.

Ich wünschte mir also mehr Feinfühligkeit. Gern mal ein fassungsloses „Echt jetzt?!“ oder „wie stellst du dir das vor?“ und danach Schweigen. Eines das Platz zum Zuhören hat, das die eigenen Bewertungen und möglichen Entscheidungen einfach beiseiteschiebt. Dahinter ein wertfreies „so sein lassen“ und „sehen was gebraucht wird“. Vielleicht ist das manchmal nur die Stille, mal eine feste Umarmung oder ein „Danke, dass du dich mir anvertraust!“, weil es meine feste Entschlossenheit ist, das ich versuche mit meinen Mitmenschen genauso umzugehen. Was mir sicherlich nicht immer gelingt. Ich bin nicht perfekt, nicht die Powerfrau und auch nicht unverwüstlich, doch eines bin ich ganz gewiss, mir sicher, dass ich gut bin wie ich bin. Für mich, meine Familie und zu denen die ich liebe.

Bis bald,

Eure Ini

Aus Liebe zur Familie

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