Hänschen klein, ging allein ... Teil 2

Hänschen klein, ging allein ... Teil 2

Jetzt sitze ich also da und starre wortlos auf den Ko er, den Ko er mit dem blauen Schildchen am Griff , auf dem der Name und die Adresse stehen. 

Irgendwie ging alles ganz schnell. Noch vor vier Stunden war ich zu Hause gesessen und habe mit Heidi über Gott und die Welt getratscht, und jetzt sitze ich hier im Krankenhaus und halte das süße kleine Etwas, das den Namen Tim trägt, in meinen Armen. Die Geburt war kurz und heftig, so würde ich sie jedenfalls bezeichnen. Peter, mein Mann, der die ganze Schwangerschaft über sehr gelassen war, flippte völlig aus, als ich ihn bei der Arbeit anrief und ihm mitteilte, dass es jetzt losginge. Er kam wie ein Gestörter nach Hause gerast, stürzte zur Tür herein und fing sofort an, zu hecheln. Typisch Mann. 

„Peter“, beruhige ich ihn, „jetzt reg dich mal wieder ab. So schnell kommt das Kind nicht! Nimm den Ko er und lass uns in aller Ruhe ins Kranken- haus fahren, o.k?“ 

Mich hat es gewundert, dass ich so cool geblieben bin, wo ich doch, dank Heidis ausführlicher Horrorberichte was Geburten angeht, etwas Angst hatte. Ich glaube, sie hat es als einzige Frau der Welt gescha , bei nur drei Kindern, zehn verschiedene Komplikationen zu haben. Ich hatte da wirklich Glück. Tims Geburt war im Vergleich zu denen von Heidis Kindern echt unkompliziert. Peter ist auch nur zwei Mal in Ohnmacht gefallen. Ich hatte befürchtet, er würde noch weniger von „der schönsten Sache der Welt“ mitbekommen. Er war ja schon ganz blass und durcheinander, als wir von zu Hause wegfuhren ... 

„Wo ist der Autoschlüssel?“
„Den hast du noch in der Hand, Peter. Du bist doch gerade gekommen!“ „Ach ja, und wo ist dein Ko er?“
„Oben im Schlafzimmer.“ 

„Gut, ich hol‘ ihn schnell, setzt dich schon mal ins Auto!“ „Dann gib mir den Schlüssel!“
„Welchen Schlüssel?“
„Na den Autoschlüssel!“ 

„Und wo ist der?“
„In deiner Hand, Schatz!“ „Ach ja ...“ 

Also wie gesagt, jetzt sitze ich da und starre einen Koffer an. Den falschen Koffer natürlich. Nicht den, den ich liebevoll für mich und das Baby gerichtet hatte. Nicht den Ko er, mit den (von Oma selbst gestrickten) ersten Söckchen, dem blauen Nicki (den ich als Baby schon getragen hatte), dem Hemdchen mit den zwei goldigen Bärchen drauf (von der anderen Oma), und der witzigen Mütze mit den zwei Joda-Ohren dran (mein Mann und Star Wars!). Nein ich schaue auf den Ko er, den Peter fälschlicherweise mit ins Krankenhaus genommen hat. Den berühmten „Auszugskoffer“. Ein Ko er, den ich erst in achtzehn Jahren brauchen werde. Nicht jetzt, nicht hier! 

Okay, zur Not könnte ich sicher aus den Socken und den Unterhosen etwas „Stramplerähnliches“ basteln, aber meinem Kind an seinem ersten Lebenstag gleich Dosenfutter vorzusetzen, halte ich für keinen gelungenen Anfang. 

Oder was meinen Sie??? 

Eure Silv

 

Unsere Gastautorin Silvia Pommerening schreibt bei uns über lustige und lehrreiche Erfahrungen aus dem Kreißsaal sowie alltäglichen Erlebnissen aus ihrem Leben als Mutter. Ihre Bücher 'Wir haben Wehen! - Mythen und Irrtümer aus dem Kreißsaal' sowie 'Mit "ohne" Hände - Lach und Krachgeschichten aus dem Kinderzimmer' sind im Wendepunkt Verlag erschienen. Mehr über Silv erfahrt ihr auf www.wirhabenwehen.de

Verheiratete "Alleinerziehende" mit Hund

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Hänschen klein, ging allein ... Teil 1

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