"Was wäre wenn...?" - #papapapakind

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Zeit ging ins Land, wir zogen von der Stadt aufs Land und das Kinderthema war erstmal in den Hintergrund gerückt. Irgendwann hat meine Mutter einen Zeitungsartikel auf den Tisch gelegt, in dem ein neues Zentrum für sozialpädagogische Pflegefamilien vorgestellt wurde. Da war es wieder: das Kinderthema. Aber meine Mutter hatte Recht, der Artikel klang gut und sehr offen. Zu schön, um wahr zu sein?

Der Kinderwunsch steckte einfach zu tief in uns drin und deshalb war für uns klar, wir versuchen es nochmal. Diesmal schrieben wir eine E-Mail und erwähnten hier direkt am Anfang „wir sind ein gleichgeschlechtliches Ehepaar“ – wir sind ja lernfähig! Für das Zentrum für sozialpädagogische Pflegefamilien war das kein Problem. Ganz im Gegenteil, wir wurden mit offenen Armen empfangen und wir als Menschen standen im Mittelpunkt. In den nächsten drei Monaten hatten wir mehrere Gespräche und Fortbildungen und lernten auch andere Pflegeeltern kennen.

Dennoch kein Grund, sich zu früh zu freuen, denn die letztendliche Entscheidung trifft das zuständige Jugendamt und da war sie wieder: die Angst, von einer Behörde abgelehnt zu werden. Im nächsten Schritt stand ein Hausbesuch der zuständigen Sachbearbeiterin an. Oh Mann, selten waren wir so aufgeregt. Zwei Tage lang wurde das Haus auf Hochglanz poliert, endlich mal wieder das viele Altglas zum Container gebracht und die gefährlichen Messer in der Küche aus der Reichweite für Kinderhände gebracht. Die Dame vom Amt war sehr nett, fragte uns Löscher in den Bauch, schaute sich das Haus von oben bis unten an und verkündete uns dann die Entscheidung: das Jugendamt gibt grünes Licht! Somit waren wir als Dauerpflege-Eltern anerkannt. Wow – was für ein toller Tag.

Das war im Sommer 2015 und wir haben die folgenden Monate genutzt und viel geschafft. Nun hieß es warten, verdammt lange warten. In der Zwischenzeit lebten wir im Ausnahmezustand und hatten das Gefühl, nichts mehr richtig planen zu können, denn jeden Moment hätte das Kind mit Sack und Pack vor unserer Tür stehen können. So dachten wir zumindest. Ich kann mich noch sehr genau erinnern, als wir unsere Betreuerin vom Pflege-Eltern-Zentrum fragten, ob es überhaupt noch Sinn macht, dass wir jetzt Urlaub für September planen? Leider sagte sie uns: „ Sie müssen Geduld mitbringen und können ganz beruhigt in den Urlaub fahren. Wenn ein Kind in Frage kommt, dann gibt es zum Kennenlernen ohnehin eine Anbahnungsphase über mehrere Wochen“.

Also warteten wir, denn uns war von Anfang an klar, dass nicht das passende Kind für uns gesucht wird, sondern die passenden Eltern für ein Kind. Und das kann dauern. Zwischenzeitlich hatten wir noch etliche Fortbildungen und waren dabei immer das einzige Paar ohne Pflegekind. Und so kam es, dass wir auch Weihnachten 2015 wieder zu zweit unter dem Weihnachtsbaum verbrachten. Manchmal waren wir gefrustet und hatten das Gefühl, dass kein Kind zu uns passt, wir wohl nicht die passenden Eltern sind. Aber wir sind auch ehrlich, es gab Zeiten, in denen wir beide tagelang arbeiteten oder auch mal feiern waren und uns fragten, was würden wir jetzt eigentlich mit XXX machen? Überhaupt spielten wir immer öfter das Thema durch: „Was wäre, wenn…“. Aber auch hier merkten wir schnell, dass die Theorie von der Praxis sehr abweichen kann. Wir überlegten z.B., ob wir schon einmal anfangen aus unserem Männerhaushalt eine Familien-Wohnung zu gestalten. Aber wir scheiterten bereits am Kinderzimmer. Weder wussten wir, ob Mädchen oder Junge, noch, ob das mögliche Kind eine Wiege benötigt oder bereits im Kinderbett schläft. Klamotten in rosa oder doch in blau? Wir konnten einfach nichts tun außer Warten.

Da wir unser näheres Umfeld damit so wenig wie möglich belasten wollten, erzählten wir anfänglich nur unseren engsten Familienmitgliedern und den Mitarbeitern in unserem Unternehmen, dass wir als Dauerpflege-Eltern anerkannt waren und in absehbarer Zeit Eltern werden. Wir hatten die Befürchtung, dass wir sonst die Frage „Wann ist es denn endlich soweit?“ zu oft ohne klare Angaben beantworten müssten. Es ist schließlich keine Schwangerschaft, die zeitlich vorhersehbar ist. Und unsere Vermutung wurde Realität, denn weitere Monate gingen ohne einen Anruf ins Land. Mittlerweile war es Frühjahr 2016.

Doch dann kam der Tag, der unser Leben begann zu verändern: Wir beide können uns noch genau an den Tag erinnern. Es war der 09.März 2016. Wir saßen in einem Meeting. Michas Handy klingelte, er schaute schockiert auf die Nummer und verließ den Raum. Nach 5 Minuten kam er wieder rein, mit Tränen in den Augen. Im ersten Moment dachte ich, es wäre etwas Tragisches passiert, aber das Gegenteil war der Fall: das Pflege-Eltern-Zentrum rief an und teilte uns mit, dass es ein „pfiffiges“ Mädchen gibt, das perfekt auf unser Eltern-Profil passt und sie uns gerne in einem persönlichen Gespräch mehr über das Kind erzählen wollen. Oh Mann, das erzeugt noch heute Gänsehaut.

Einen Tag später hatten wir bereits den Termin. Mit schweißnassen Händen betraten wir den Besprechungsraum und waren so nervös, wie seit langem nicht mehr. In dem Gespräch wurde uns sehr ausführlich nicht nur das Kind beschrieben, sondern auch der Familien-Stammbaum vorgestellt, warum das Kind in eine Pflege-Familie soll und viele weitere Infos gegeben. Wir hingen an den Lippen unserer Betreuerinnen. Damit wir in unserer Phantasie kein falsches Bild erzeugen, wurde uns dabei nicht der Name des Kindes genannt. Mit unserem Charme konnten wir jedoch herauskitzeln, dass es sich um 4 Buchstaben handelte. 

Unsere Betreuerinnen fragten uns, ob wir denken, dass wir anhand der Erzählungen das Kind kennenlernen wollen. Was für eine Frage! Na, klar. Am liebsten jetzt und sofort! Die Läden haben noch offen – wir können direkt Möbel und Klamotten kaufen.

Doch so schnell ging es natürlich nicht, wir mussten vernünftig handeln. Vor dem Kind mussten wir erst einmal die leibliche Mutter treffen, denn sie hat die finale Entscheidung und muss dem Pflegevertrag zwischen uns und dem Jugendamt zustimmen. Nach etlichem Hin- und Her stand endlich ein Termin im Pflege-Eltern-Zentrum fest, doch dann kam das große ABER. Die Mutter erschien nicht wie vereinbart zum Termin. In diesem Moment fühlten wir uns gar nicht gut und dachten natürlich sofort: „das war es – sie will keinen Termin mit uns“. Unsere Betreuerin versuchte, die Mutter auf allen Kanälen zu erreichen. Egal ob Handy, Festnetz oder WhatsApp – keine Rückmeldung. Nach 30 Minuten Verspätung traf die Mutter dann doch ein und es folgte ein 1,5 stündiges Gespräch. Irgendwie verlief es merkwürdig, aber dennoch, die Mutter meinte: „Die Jungs können sich gut um die Kleine kümmern.“ Im Nachhinein kamen wir uns in die Situation eines Vorstellungsgesprächs unserer Jugend versetzt, zeigten uns von unserer besten Seite - auch wenn es in dieser Konstellation etwas absurd schien.

Im nächsten Schritt stand das erste Treffen des Kindes auf unserem Plan zum Familienglück. Die Kleine lebte zu diesem Zeitpunkt in einer Bereitschaftspflege-Familie und die Terminfindung war etwas problematisch. Es vergingen mehrere Tage, bevor ein Datum für das Treffen fixiert war – der 21. März 2016.

Bisher hatten wir nur schweißnasse Hände beim Treffen der Mutter, aber was wir an diesem Tag durchlebten, ist nichts dagegen. Wir waren unglaublich aufgeregt. Das letzte Mal erlebte ich dieses Gefühl, als ich Micha vor 13 das erste Mal getroffen habe. Ja – ein solcher Termin ist mit einem Blind-Date vergleichbar! Den ganzen Tag liefen wir verwirrt auf der Arbeit umher und keiner konnte etwas mit uns anfangen.

Das Gefühl war nicht nur getragen von purer Freude, sondern auch von Angst. Was ist, wenn das Kind uns nicht akzeptiert, die Chemie nicht stimmt oder es komisch riecht? Die Angst, etwas zu verlieren, was man noch gar nicht kennt, war groß. Aber uns war klar, wir müssen auf unsere Herzen hören. Liebe zu einem Menschen kann man nicht erzwingen!

Wir haben unser Treffen in einem Café vereinbart. Wir waren fast 20 Minuten zu früh und uns war schlecht vor lauter Warten. Und dann war es soweit: die Kleine kam samt ihrer Bereitschaftspflege-Eltern in das Café und wir lernten uns kennen. Wir spielten zusammen und hatten Spaß. Sie war uns gegenüber aufgeschlossen und zeigte sich von ihrer besten Seite. Alle vorherigen Bedenken waren sofort über Bord geworfen, es war „Liebe auf den ersten Blick“.

Unsere Herzen sagten uns, dass wir diesem kleinen Menschen Liebe und Geborgenheit geben wollen. Ja – wir wollen von ganzem Herzen, dass dieses Mädchen unser Leben auf den Kopf stellt. Kurzum: Unser Blind-Date war geglückt! Nach dem Treffen saßen wir im Auto auf dem Parkplatz und schauten uns an, konnten nichts sagen. Wir waren einfach überwältigt.

Somit stand der sogenannten Anbahnung nichts im Weg. In weiteren Terminen werden wir das Kind näher kennenlernen, verstehen und uns aneinander gewöhnen. Angefangen mit einer Stunde werden die Besuche immer intensiver und die Bereitschaftspflege-Eltern ziehen sich dabei Stück für Stück zurück. Vor uns liegt eine Schwangerschaft von nur 5 Wochen. Das bedeutet, dass wir nicht nur unser Privatleben und beruflichen Alltag, sondern auch unser Haus „komplett kindgerecht“ umgestalten müssen. Welche Probleme wir bei der Anbahnung erlebt haben, welche Hürden wir bei der Organisation unseres Lebens als Familie nehmen mussten und wie uns der Einspruch der leiblichen Mutter vor dem Oberlandes-Gericht wieder zurückgeworfen hat, könnt ihr das nächste Mal lesen.

Bis Bald

@papa.papa.kind

 

Die beiden "Neu"-Väter Micha und Thorsten berichten in Zukunft über ihre Geschichte als gleichgeschlechtliche Pflegeeltern. Für uns eine der spannendsten Geschichten die wir seit langem gehört haben. Spannende Eindrücke neben ihren Geschichten bei uns, findet ihr auch auf dem IG-Profil (@papa.papa.kind) der beiden, schaut doch mal vorbei.

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